Unsere Route

führte bekanntlich von Mainz nach Paris. An welchem Tag wir wo waren, kann ich nicht mehr wiedergeben. Doch die Stationen, an denen wir entlang kamen, weiß ich noch genau:

Ingelheim am Rhein – Bad Kreuznach – Losheim am See – Merzig – Thionville – Sommepy-Tahure – Reims – Chateau Thierry – Meaux – Villeparisis – Paris.

Unsere Erlebnisse

Wir haben uns die ganze Reise über gut verstanden, auch, wenn der Ton manchmal rauer wurde. Aber das kann man getrost auf das kalte Wetter schieben. Dennoch: Mitgehangen, mitgefangen,  heißt es doch so schön. Nichtsdestotrotz: wir wollten nach Paris!

DSC_0406Am Sonntag, wir waren gerade in der Nähe von Losheim am See, bemerkte Kevin, dass etwas ununterbrochen an seinem Rahmen schlief und seltsame Geräusche von sich gab. Er fand heraus, dass sein Reifen porös und langsam im Begriff war, unsere Tour ernsthaft zu gefährden. Ein ernstes Problem, denn wir hätten womöglich einen Tag warten müssen, wenn der Reifen tatsächlich den Geist aufgegeben hätte – und das hätte er sicher nach wenigen Kilometern. In Losheim angekommen traf uns aber eine Überraschung. Es war Verkaufsoffen! Und an der Hauptstraße gab es sogar ein Fahrradgeschäft, das geöffnet hatte; offenbar war die ganze Stadt auf den Beinen und es gab überall Musik und Luftballons; Läden standen jedem offen und es herrschte eine heitere Stimmung.

Wir hatten Glück

Ich konnte mir noch eine neue Klingel besorgen, denn diese war einige Wochen zuvor, an Fasching, Vandalismus zum Opfer gefallen. Das sollte für viele Tage das letzte Mal gewesen sein, ein sauberes Klo vorgefunden zu haben. Kevin hatte seinen Reifen und sogar noch einen neuen Ständer gefunden, und so konnte unsere Reise weiter gehen. Noch schnell ein paar Salzstangen im Fahrradgeschäft genascht und weiter.

Es war recht windig an diesem Tag, und auch in Frankreich hat uns das Wetter nicht verschont. Als ich während unseres Einkaufs draußen vor dem Supermarkt unsere Räder bewachte, war es so windig, dass mein Rad umfiel. Sogar die niedrigen Liegeräder wiegten sich im Wind gefährlich hin und her. Zum Glück, oder auch nicht, hatten wir die ganze Tour über Ostwind. Der war zwar höllisch kalt, aber wir hatten immer Rückenwind. Andersherum wäre zwar sicher wärmer gewesen, dafür auch noch anstrengender.

Bei Minus-Graden auf dem Boden Gemüse schnibbeln

parisreise-1-19macht nur Spaß, wenn man in Begleitung und hungrig ist. Jeder von uns hat ungefähr zweimal gekocht auf der Tour. Mal hatten wir auf dem Weinberg in der Champagne gezeltet, mal am Feldweg neben Büschen; mal mehr, mal weniger offensichtlich. Einmal haben wir in einem Waldgebiet in der Nähe von Merzig sogar ein Feld voll mit Bärlauch entdeckt und prompt geplündert. Um das Kochen hat sich wahrlich keiner gerissen, aber die Flamme und der Dampf aus dem Topf waren schon sehr verlockend und wohltuend an den kalten Händen. Wir haben stets immer lecker gegessen und hatten, was die Öffnungszeiten betraf, ein Geschick dafür, kurz vor Ladenschluss eingetrudelt zu sein. Besonders knapp wurde es in Frankreich, wo wir bei einem Bäcker kurz vor seiner Mittagspause noch Baguette gekauft und es mit Olivenöl beträufelt, nein eher darin ertränkt, gesalzen und gegessen hatten. Auch konnte man uns dampfend und mit vollen Mündern vor so manchem Supermarkt, auf unseren Isomatten sitzend, essen sehen. Landstreicher-Feeling kam nicht zu letzt besonders bei mir auf, weil die weißen Handschuhe, die ich extra für die Tour gekauft hatte, bei Gebrauch von Tag zu Tag dunkler und schließlich schwarz wurden. Florian und Kevin haben mich dann doch irgendwann überreden können, endlich diese ekligen Dinger in den Orkus zu befördern. Noch heute schmunzeln wir über die Handschuhe, wenn wir darüber reden.

Was die Kohlenhydrat-Aufnahme angeht, waren wir nicht gerade die besten Vorbilder, betrachtet man es vom Gesundheitlichen Aspekt. Zucker in Form von Limonaden, Eistee und Cola waren täglich in rauen Mengen durch unsere Kehlen und wieder aus uns hinaus geflossen; diese Art der Dauerbelastung kannte mein Körper noch nicht. Aber Die Vorfreude auf Paris, die Spannung, was uns auf der Reise noch begegnen wird, wo sie uns entlang führt, war zu groß, als dass man sich noch Sorgen um die Ernährung gemacht hätte.

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Auf der Gazelle sitzt man stets aufrecht und elegant!

aber nach etwa 6 Tagen hatte ich kein Gefühl mehr in den Zehen gehabt. Ich habe das auf die engen Schuhe und den großen Druck geschoben, als ich aber schon zwei Wochen in Deutschland war, waren meine Zehen immer noch taub. Es lag wohl an einem eingequetschten Nerv in der Wirbelsäule, was sich allerdings nie in Form von Rückenschmerzen bemerkbar machte, aber diese Signale habe ich bis heute respektiert und besuche regelmäßig einen Rückenkurs, um dem vorzubeugen.

Ohne Fleiß kein Preis, oder so ähnlich – Körper und Material an ihren Grenzen

Ich glaube nicht, dass es an dem relativ ungefederten Brooks-Sattel, als vielmehr an der Tatsache lag, dass mein Rücken es nicht gewohnt war, jeden Tag viele Stunden aufrecht in einer relativ gleichbleibenden Haltung zu verweilen. Da haben die Liegeräder klar ihren Vorteil zum Hollandrad. Allerdings ist die Sicht und das Gesehen-werden auf einem solchen hohen Gefährt auch ein großer Vorteil, den man berücksichtigen sollte.

Abgesehen von unserem Körper und den Rädern war noch die Kleidung sehr beansprucht worden. Was sich als sehr nützlich herausstellte war, dass ich bei Pausen oder längeren Fußmärschen über die atmungsaktive Fleece-Jacke noch meine wasserabweisende Funktionsjacke gezogen hatte, um nicht zu viel Wärme zu verlieren. Nach etwa fünf Minuten auf dem Sattel habe ich sie dann wieder verstaut, um nicht erneut zu schwitzen. Meine Lösung war klimatechnisch ganz okay. Ich war ja mit der Billigausführung unterwegs, wie ich bereits oben erwähnte, aber wer die Eigenschaften und Häufigkeit des Gebrauchs seiner Equipment-Gegenstände kennt, wird seine Prioritäten selbst gefunden haben, so wie ich zu Beginn der Reise. Wer sie noch nicht gefunden hat und trotz stundenlangem Suchen in Foren nach den gewünschten Informationen über Material und Bedingungen unsicher bei so einem oder ähnlichen Reise-Vorhaben bleiben sollte, sei hier ein klarer und zeitsparender Rat gegeben: Ausprobieren, Erfahrung machen und verbessern. Mehr geht nicht.

Übrigens: Schieben mussten wir auch oft; es war wahrlich kein Spaß, denn die Stellen der Hand, die den Lenker führten, schmerzten von Berg zu Berg immer mehr. Die beiden Liegeradler hatten es auch nicht viel leichter, ihre Räder hoch zu schieben. Manchen Berg sind wir mit Volldampf im ersten Gang hochgestampft und mit lauten Freudenschreien wieder hinunter gerollt, sofern wir auf der anderen Seite auch mit einer Abfahrt belohnt wurden.

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Die Kälte kroch mir bis in die Knochen…

Ich hatte ganz schön Angst in mancher Nacht im Zelt. Es war aufregend, wild zu campen. In einer Nacht hatten wir direkt neben einem umzäunten militärischen Gebiet mit einem Sendemast unser Lager aufgeschlagen, der Wind pfiff laut durch die Bäume und die Metallverstrebungen des Mastes. Wir waren von drei Seiten dem Wind ausgeliefert. Es war wirklich ziemlich kalt. Selbst das Inlet aus Fleece von Florian war noch nicht ausreichend warm genug, sodass ich eines Nachts auf die Idee kam, immer meine Jacke, die ich nachts nicht anhatte, vor dem Schlüpfen in den Schlafsack um meine Füße und Waden zu wickeln.

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Mein erster Striptease in einem Zelt sollte nicht der letzte gewesen sein…

DSC_0407Wenn du den ganzen Tag im Sattel gesessen und mehr oder weniger feuchte Wäsche vom Schwitzen an deiner Haut hast, hört der Spaß auf. Spätestens dann, wenn du Pause machst und dein Körper zur Ruhe kommt, merkst du, wie dir die Kälte in die Knochen kriecht. Ideale Bedingungen, um sich eine Lungenentzündung einzufangen. Deshalb habe ich mich, sofern ich gemerkt habe, dass ich noch Nässe auf der Haut hatte, ganz ausgezogen und habe meine Haut abgerubbelt und sofort trockene Kleidung angezogen. Schwierig war es, die feuchte Wäsche zu trocknen, denn bei den Temperaturen ist nicht viel zu machen. Eitel darf man auf so einer Tour nicht sein, aber zum Glück hatte ich keinen Spiegel dabei, sonst hätte ich womöglich jeden morgen einen Schreikrampf bekommen, weil ich beinahe aussah, als ob ich ein ernstes Alkoholproblem gehabt hätte – Aufgequollenes Gesicht, verschnupft, völlig erschöpft von den Kilometern des Vortages und der zehrenden Kälte.

Morgens war es eine Überwindung, das Zelt zu öffnen und den kalten Wind zu spüren, aber noch unangenehmer war es jedes Mal, in die eiskalten Schuhe zu schlüpfen und das war anstrengend. Man war aber schnell warm, wenn man das Zelt abgebaut und sich ein bisschen bewegt hatte. Schnell was gegessen, Zähne geputzt, getrunken, gepinkelt und auf den Sattel. Halt! nochmal kontrollieren, ob wir auch wirklich keinen Müll oder etwas unserer Sachen liegen gelassen hatten. So viel Zeit musste sein.

DSC_0411 - KopieBeeindruckt waren wir schließlich, als wir nach tagelangem Dörfer-Idyll plötzlich die erste Großstadt vor uns hatten: Reims. Wieder im Supermarkt, aber vor allem in der Kathedrale, wurde uns bewusst, wie verrückt unsere Reise doch war. Und seltsam, diese Franzosen. Lauter Dörfer, viel Viehzucht, kaum Supermärkte oder Konsumtempel, wie bei uns in Deutschland. Man lernt viel über die Geografie und Gewohnheiten der Menschen, die doch ein wenig anders leben als wir Deutschen. Vor allem aber faszinierte uns, dass die meisten Häuser von außen heruntergekommen waren, innen aber ein gewohntes, fast schon deutsches Bild zu sehen war. Im nächsten Absatz erfahrt ihr etwas genauer, wie Franzosen eingerichtet sind. Übrigens: Besonders schön fand ich die Häuser in der Champagne und diesen verträumten und fast schon schlampigen Stil der Häuser und Gärten in Frankreich.

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