Gazelle Toer Populair limited Edition 2011

Die Dame, wie ich sie liebevoll nenne, hinterlässt beim Anfahren mindestens genauso viel Rauch und Reifenspuren, wie die gute alte Juweel. 2011 hatte ich wieder etwas Geld übrig und konnte nicht widerstehen, dieses Modell im Internet mit einem Nachlass von 100 Euro aus Düsseldorf, meiner Heimat, zu bestellen. Etwas tiefer muss man bei dieser Ausführung in die Tasche allerdings schon greifen: reduziert war sie auf 799 Euro. Was mir an ihr besser gefällt? Sie hat ein Kleid an. Statt Plastik trägt sie um die Kette nämlich Moleskin, ein beschichtetes Baumwollgewebe. Auch sonst hat man mit Komponenten aus Plastik zum Glück gespart. Alles ist so, wie Gazelle seine Räder schon vor rund hundert Jahren gebaut hat; gepaart mit dem knowhow von heute. Und ich wollte endlich eine Gazelle haben, an möglichst wenig Plastik verbaut wurde.

Spezifikationen

Baujahr: 2010/2011

Schaltung: 7-Gang Sram Nabe mit Rücktritt

Rahmen: Stahl

Vordergabel: Fest, gemufft

Frontlicht: Lumotec ohne Standlichtfunktion

Rücklicht: Retro mit Standlichtfunktion

Dynamo: Nabe Shimano

Bremse vorn: Shimano Trommelbremse

Lenkervorbau: Nicht verstellbar

Lacktuchkettenkasten, geschlossen

Sattel: Brooks Leder

Sattelstütze: fest

Schloss: Axa SL9 mit Kette

Felgen: RVS Stahl

Gewicht: 22,3 kg

DSC_0287

Ein Damenrad für einen Mann?

Ja, ich wollte das. Grundsätzlich muss ich hier mal eines loswerden: Achtet doch beim nächsten mal, wenn ihr über ein Herren- oder Damenrad redet darauf, welcher sexistische Unterton in dieser Kategorisierung liegt. Ein Rad mit einem tiefen Einstieg ist praktisch, damit Frauen mit ihrem langen Gewand nicht über ein horizontal verlaufendes Oberrohr steigen und beim Fahren fürchten müssen, dass ihnen etwas fliegen geht und ungewollt zur Schau stellt. Die Zeiten, in denen Frauen ausschließlich lange Kleider trugen, sind längst vorbei. Ein Mann darf ebenso ein Rad mit tiefem Einstieg fahren, wie eine Frau auf einem Mountainbike das Recht hat, durch die Weltgeschichte zu radeln. Es ist mehr eine Frage der Gewohnheit, besonders, was den Auf- und Abstieg auf das Rad angeht. Mir war es schlichtweg zu riskant, vor allem in brenzligen Situationen, mein Bein über das Oberrohr zu schwingen, denn ich bin kein Mensch, der gern hinten herum auf- und absteigt. Ganz davon abgesehen wird vom Stehen auf einem Pedal mit dem ganzen Körpergewicht schon im Handbuch von Gazelle dringend abgeraten, tut es der Tretkurbel und dem Pedal gar nicht gut, wenn man das ständig macht und so schwer ist wie ich. Zumal frage ich mich, wie man hinten herum absteigen will, wenn man einen Turm an Gepäck oder einen Kindersitz hinten auf dem Träger hat. Ich will doch kein Ballett veranstalten, um auf mein Fahrrad zu steigen! Der einzige, aber auch wirkliche einzige Vorteil in einem horizontal verlaufenden Oberrohr liegt in der Stabilität und Verwindungsfestigkeit des Rahmens. Ansonsten finde ich dieses Oberrohr sehr nervig.

Ausstattung

Im Gegensatz zur Juweel hatte die Dame schon einen Nabendynamo und Standlicht hinten. Das war mir allerdings für die Reise nach Paris noch zu wenig, und so ersetzte ich den vorderen Scheinwerfer durch einen von Lumotec mit 60 Lux und Standlichtfunktion, welche man auch jederzeit ganz ausschalten kann. Die schöne Optik des Scheinwerfers ist zwar etwas ruiniert, aber mit kommt es mittlerweile nicht nur auf die Ästhetik, sondern auch auf gewissen Komfort an, den der alte Scheinwerfer mit etwa 12 Lux nicht mal im Traum erreicht hätte. Außerdem kam ich günstig an diesen neuen Scheinwerfer, denn er hätte ursprünglich 100 Euro gekostet und ich habe ihn für die Hälfte bei eBay abgestaubt. Die Montage gestaltete sich nicht gerade einfach, denn die Halterung vom alten Scheinwerfer wollte ich erhalten, aber die war zu eng für den neuen. So musste ich die beiden Flanken, die zuvor die Lampe gehalten haben, mit einer Zanke und viel Kraft weiten. Wie man sehen kann, hält der neue Lumotec super und lässt sich auch noch im Neigungswinkel verstellen.

Die Gangschaltung ist auch besser als die von der Juweel. Jetzt hatte ich eine S7 Schaltung von Spectro, mittlerweile wurde die Firma, die diese Teile herstellt, zu Sram, produziert aber nach wie vor in Schweinfurt. Leider sind bei Gazelle in den Jahren, die zwischen den Baujahren von meinem Juweel und des Toer Populairs liegen, wie in vielen anderen Branchen üblich, viele Fertigungsschritte der Produktion nach Fernost abgewandert, was mich zunächst nicht sonderlich begeisterte, aber bisher habe ich keine Unterschiede in der Qualität feststellen können. Montiert, lackiert und für den Endkunden gefertigt werden sie aber immer noch in Dieren in den Niederlanden. Einzig das Emblem am Steuerrohr ist anders: Beim Juweel ist eine schwarze Gazelle auf einem mit Speichen versehenen Rad zu erkennen auf hellem Grund. In der neuen Version ist das umgekehrt: Eine helle Gazelle und Rad sind auf schwarzem Grund zu erkennen. Am hinteren Schutzblech der Juweel war außerdem zusätzlich noch eine Plakette mit dem Gazelle-Emblem befestigt, das man sich in der Fernost-Produktion erspart hat.

SAMSUNG

Der Gepäckträger ist so Stabil, dass ich sogar für 5 km einen 70 kg schweren Freund mit rund 15 km/h mitnehmen und leicht fahren konnte – 160 kg sind also für ein Hollandrad keine Sache der Unmöglichkeit

Fahrgefühl

Es fährt sich genauso traumhaft und elegant wie auf der Juweel, vielleicht noch effizienter, denn der Brooks-Sattel verliert man beim Strampeln nicht so viel Energie der Lepper-Sattel, der durch seine Federn und der daraus resultierenden ständigen Hüftbewegung von einer Seite zur anderen kontraproduktiv sein kann. Zumal lässt sich der Brooks auch ordentlich spannen, und ist trotzdem weich und bequem genug, um lange darauf zu sitzen; allerdings sollte man die Spitze nicht zu weit nach oben montieren, eher nach unten, damit bei langen Fahrten der Damm nicht einschläft.

Nicht jeder, der zum ersten mal auf einem so hohen und großen Fahrrad sitzt, kommt elegant vom Fleck

Den Lenker empfinde ich etwas unangenehm in langsamen Kurvenmanövern, z. B. in der Fußgängerzone, wo Radfahren erlaubt ist. Denn die Lenkerenden kollidieren schnell mit jenem Knie, das sich oben befindet, wenn man den Lenker dreht. Das sollte man geübt haben, und hier wäre eine Gangschaltung mit Freilauf, wie Rohloff eine hat, nicht verkehrt, um das Tempo mit kleinen Dosen erneut aufnehmen zu können und so den Gleichgewichtsverlust zu verhindern, der in diesen langsamen Lenkmanövern gern entsteht, wenn man nicht aufpasst. Deshalb lasse ich ungern jemanden auf meinem Rad fahren, der nicht weiß, wovon ich rede. Das Aufsteigen auf die Juweel war kein Problem, weil sie niedriger ist als das Toer Populair. Beim zuletzt genannten sollte man beim Anfahren beachten, dass das vom Standbein abgewandte Pedal nach oben zeigt, dass man das rechte Bein darauf stellen und sich mit einem Schwung vom Boden weg nach vorn und mit dem Hintern auf den Sattel bewegt, sonst kann es beim Aufstieg gern mal brenzlig werden, besonders mit Gepäck ist da nicht zu spaßen. Denn schnell ist das Toer Populair mit der Nase in der Luft und man verliert die Kontrolle. Wenn dann noch das Gepäck den Halt verliert, ist man ganz schön aufgeschmissen.

Jedoch fährt das Toer Populair selbst mit einer Belastung von 120 kg noch butterweich und leicht. Einzig mit ruckeligen Lenkerbewegungen oder schnellen Richtungswechseln sollte man bei diesem Rahmen vermeiden, denn wie bereits oben erwähnt, hat diese Art des Rahmens mit tiefem Einstieg längst nicht die Stabilität wie ein Rahmen mit horizontal verlaufendem Oberrohr.

SAMSUNG

Selbst auf der ruckeligsten Bahnfahrt hat die Gazelle mit ihrem riesigen Klickfix-Ständer die Nase vorn, wenn es um Standfestigkeit geht, denn sogar mit Gepäck hinten drauf steht sie erstaunlich sicher. Sicherheitshalber schließe ich das Rahmenschloss ab, damit das Rad nicht unkontrolliert in der Bahn spazieren fährt.

Auch empfehle ich jedem, der sich ein neues Fahrrad zulegt und damit viel fährt, die Speichen in richtiger Spannung zu halten und regelmäßig, spätestens aber 500 km nach dem Kauf zu warten bzw. warten zu lassen. Es lohnt sich, denn die Fahreigenschaften sind so viel besser mit einem gut zentrierten und wohl überwachten Spannungsverhältnis der Speichen zur Achse. Meistens hat man nach dieser ersten Wartung der Laufräder wirklich lange Ruhe, denn dann sind die Räder eingefahren und haben sich ihrer Bestimmung und Belastung angepasst.

Lange Touren mit Nabenschaltung, wie ist das möglich?

Klare Antwort: Indem man sich mit dem Übersetzungsverhältnis und der Schaltung befasst. Klar, haben in gebirgigem Gebiet andere Schaltungen, besonders solche mit Freilauf, ihren Vorzug. Wer sich geschickt anstellt, wird sich aber auch mit einer 7- oder 8-Gangschaltung gut fortbewegen. Wichtigste Regel bei einer Nabenschaltung, mit Ausnahme der Rohloff und der NuVinci-Nabe ist, dass man niemals unter Last schalten sollte. Geht es bergauf, muss man rechtzeitig reagieren und sehr geschwind den Tritt dem Schalten anpassen, um keine Energie zu verlieren, denn die Gazelle fährt sich so ziemlich wie ein LKW: Bergauf im Schneckentempo aber Bergab macht man jeden Rennradfahrer nass. Zwischen 60 und 70 km/h abwärts je nach Gefälle und Länge der Abfahrt sind da gerne drin. Deshalb fühle ich mich mit einer Brille gut aufgehoben, auch wenn Rennradfahrer das für witzig halten sollten. Ich habe schon auf gerader Strecke manchen Rennradfahrer im Sitzen überholt. Insekten sind dabei ziemlich gefährliche Geschosse, die zu bösen Unfällen und Verletzungen führen können, wenn man keine Brille auf hat. Das gilt besonders bei Witterungsverhältnissen und in der Nähe zu Gewässern, wo sich viele Mücken und Insekten, meistens in Schwärmen und auf Kopfhöhe (versteht einer die Viecher!) tummeln.

Beim Hochschalten empfiehlt es sich, den Drehgriff leicht zum höheren Gang zu überziehen, um auch wirklich sicher zu gehen, dass der erwünschte Gang einrastet. Denn tut er das nicht, kann das zu Schäden in der Nabe, aber vor allem zu einem unkontrolliertem Ruck der Kurbel und einem schönen Knacken führen. Absolut wichtig ist auch, dass man beim Schalten die Pedale ruhig hält oder leicht nach vorn und zurück bewegt, wenn man im Begriff ist, zu schalten. Ich habe mir schon mit der Juweel angeeignet, so zu fahren und fühle mich jedem Radfahrer mit einer Kettenschaltung mindestens ebenbürtig, was die Schnelligkeit angeht; es bedarf ein bisschen Training und Geschick; das ist alles.

Mein drittes Rad: Velo de Ville C600 Premium Herren matt weiß

» Weiter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s